Ziegelei „Rotes Haus“
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Die Ziegelei „Rotes Haus“, heute auch bekannt als Alte Ziegelei, war eine Ziegelei in Meißen, deren Anlagen zu großen Teilen aus dem späten 19. Jahrhundert stammen. Die Bauten dokumentieren die Entwicklung der industriellen Ziegelproduktion in Sachsen und veranschaulichen zugleich den Wandel einer einst stadtnahen Arbeitsstätte hin zu einem lange ungenutzten Gebäudekomplex inmitten neu errichteter Wohngebiete. Ab 2021 wurde das Ensemble in enger Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden umfassend saniert und teilweise für Wohnzwecke umgebaut.
Lage und Umgebung
Die Gebäude liegen im westlichen Teil der Stadt Meißen, etwa 15 Gehminuten von der historischen Altstadt entfernt. Das Areal erstreckt sich auf einer ebenen Fläche zwischen Nossener Straße und den höher gelegenen Wohngebieten, die seit den 1990er Jahren auf den vormaligen Tongruben errichtet wurden. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich ein Kindergarten, zudem binden städtische Buslinien den Komplex an andere Stadtteile und den Hauptbahnhof an. Durch diese Lage ergibt sich eine günstige Verbindung zur Altstadt und den Hauptverkehrsachsen.
Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war dieser Bereich außerhalb der eng bebauten Stadt gelegen und diente hauptsächlich agrarischen Zwecken. Die Ausweitung städtischer Siedlungen erfolgte erst nach 1900, als die Nachfrage nach Bauland und Wohnraum stieg. Heute vermitteln Einfamilienhäuser, neue Straßenzüge und vereinzelte Grünflächen einen fast vorstädtischen Eindruck. Innerhalb dieser Siedlungsstruktur nimmt die Fabrik mit Ringofen, Esse und Wasserturm eine eigenständige Stellung ein.
Historischer Hintergrund

Die Gründungszeit der Ziegelei „Rotes Haus“ wird in der Mitte des 19. Jahrhunderts vermutet. Bereits zuvor bestanden in Meißen ältere, teils städtische Ziegeleien, die im Handstrichverfahren Ziegelsteine produzierten. Im Zuge der Industrialisierung und der sich ausweitenden Stadtbebauung entstanden jedoch eine Reihe moderner Werke, die maschinelle Produktionsmethoden einführten und sich durch Rationalisierung einen Wettbewerbsvorteil sicherten.

Bei dieser Umstellung kam dem Hoffmannschen Ringofen eine zentrale Bedeutung zu. Das von Friedrich Eduard Hoffmann 1858 patentierte Prinzip ermöglichte einen beinahe durchgängigen Brennbetrieb, bei dem das Feuer im Ofen langsam von Kammer zu Kammer wanderte, während die Abwärme durch ein Kanalsystem zum Vorwärmen und Trocknen genutzt werden konnte. In Meißen gründeten sich zwischen 1850 und 1902 mehrere solche Dampfziegeleien. Das „Rote Haus“ stellte dabei ein Beispiel dar, bei dem eine vergleichsweise einfache Handstrichanlage zu einer modernen Industrieanlage umgebaut wurde.
Zwischen 1881 und 1895 erfolgten umfangreiche Baumaßnahmen, die zur Errichtung des heute noch erhaltenen Ringofens, zum Bau eines Wasserturms und zur Erweiterung der Trockeneinrichtungen führten. Das Gelände konnte dank unmittelbar anliegender Gruben auf kurzem Wege mit Ton und Lehm versorgt werden. Dies galt als günstig, da kostspielige Transporte über weite Strecken wegfielen.
Um die Jahrhundertwende erlebte Meißen einen starken Aufschwung. Neue Wohnquartiere entstanden linkselbisch und in den Vororten. Auch die benachbarten Gemeinden, die in den folgenden Jahrzehnten eingemeindet wurden, benötigten Baumaterial, sodass die Ziegeleien im Raum Meißen–Dresden von der allgemeinen Baukonjunktur profitierten. Die Nachfrage stieg insbesondere in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Nach Ende des Krieges folgten schwierige Phasen, dennoch blieben einzelne Werke bis in die Zeit der DDR in Betrieb.
Das „Rote Haus“ arbeitete zunächst privat, später vermutlich verstaatlicht, weiter. Eine größere Modernisierung in den 1960er Jahren ließ alte Maschinen ersetzen und die Kapazität erweitern. Der Betrieb wurde solange fortgeführt, bis sich die politische und wirtschaftliche Lage nach 1989 grundlegend veränderte. Die Lehmgrube wurde stillgelegt, ein Teil der Belegschaft wechselte in andere Unternehmen, und die Konkurrenz moderner Großwerke erhöhte den Druck. Schließlich kam es zur Aufgabe des Werks. Etwa ab 1995 begann die Erschließung des ehemaligen Grubengeländes für neue Wohnbebauung, sodass heute vom einstigen ausgedehnten Fabrikareal nur noch Teile des historischen Kernensemble erhalten ist.
Baubestand und Architektur


Der Gebäudekomplex der Ziegelei „Rotes Haus“ erstreckte sich über mehrere miteinander verbundene Baukörper, die auf die verschiedenen Schritte der Ziegelherstellung ausgerichtet waren. Die ältesten Teile lagen vermutlich an jener Stelle, wo zuerst handwerklich produziert wurde; die massiven Erweiterungen sind den Umbauten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuzurechnen.
Ringofen
Im Mittelpunkt des Ensembles befindet sich der Hoffmannsche Ringofen mit einer ovalen Grundrissform. Diese Bauweise ermöglicht einen mehrfach gegliederten Brennkanal, der umlaufend in bis zu 16 Kammern unterteilt ist. Das Mauerwerk besteht aus mehreren Schalen, die durch Lehm- oder Sandschüttung getrennt sind und Temperaturspannungen abfedern. Die Dicke der Außenwand beträgt an einigen Stellen bis zu drei Meter.
Das Gewölbe im Inneren trägt eine hölzerne oder gemauerte Konstruktion für die darüberliegende Trocknungsebene. Dort lagerten die frischen Ziegelrohlinge, sodass die aufsteigende Ofenwärme eine zügige Trocknung bewirkte. Von oben konnten außerdem die Brennkammern mit Brennstoff (in der Regel Kohle) beschickt werden, was die Arbeitsabläufe zusätzlich beschleunigte.

Trockenboden
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Kanaltrockenanlage

Die nördlich angebaute Kanaltrockenanlage spiegelt eine Phase der erweiterten maschinellen Trocknung wider. Hier wurden die Ziegelwagen auf Schienen in die Kanäle geschoben. Ein Gebläse und Rohrleitungen sorgten dafür, dass die warme Luft aus dem Brennprozess durch diese Tunnel strömte. Die niedrige Raumhöhe, die verschließbaren großen Toröffnungen und das Schienensystem im Boden sind charakteristisch. Die Kanaltrockenanlage wurde im Zuge der Sanierung des Hauptgebäudes ca. im Jahr 2020 in großen Teilen abgerissen. Lediglich zwei kurze Abschnitte einer der fünf Kanäle wurden aus Denkmalschutzgründen erhalten.
Pressenhaus und Produktionshalle

An der Westseite wurde ein geräumiges zweigeschossiges Pressenhaus errichtet, das sich durch hohe Fenster, Stützenreihen aus Holz und Stahl sowie einen offenen Hallencharakter auszeichnet. In diesem Bereich befanden sich zahlreiche Maschinen: Mischer, Elevatoranlagen, Kastenbeschicker und Pressen, die das Ziegelmaterial (Ton, Lehm, Sand) in Form brachten. Die Höhe des Hallenraums erlaubte die Unterbringung voluminöser Technik und bot Platz, um die geformten Rohlinge auf Loren abzustellen.
In den 1960er Jahren fügte man teilweise Bauelemente aus Beton hinzu, beispielsweise einem Aufbau in Plattenbauweise mit großformatigen Fensteröffnungen aus Betonteilen.
Wasserturm
Im Südwesten steht ein Turm, der zur Wasserversorgung des Ziegeleibetriebs genutzt wurde und im unteren Bereich eine Schmiede beherbergte. Das Bauwerk verfügt im Erdgeschoss über Mauerwerk mit Rundbogenfenstern und eine Kappendecke, während weiter oben ein Behälter installiert war, in dem größere Wassermengen gespeichert werden konnten. Im Maschinenraum ließ sich der Antrieb der Pumpen unterbringen. Metallanker in den oberen Abschnitten deuten auf spätere Umbauten oder Verstärkungen hin, die vorgenommen wurden, als man die Lasten oder die Nutzung änderte.
Esse
An der Ostseite befindet sich der hohe Schornstein, der in technischen Dokumenten oft als Esse oder Kamin bezeichnet wurde. Die Schornsteinanlage leitete die Rauchgase des Ringofens über den sogenannten Fuchs, ein unterirdisches Kanalsystem, nach außen. Dank der beträchtlichen Höhe entstand ein ausreichender Kaminzug, der eine konstante Brenntemperatur in den Ofenkammern begünstigte.
Weitere Bauten
Zwischen und neben diesen Hauptgebäuden erstrecken sich kleinere Anbauten, zum Teil eingeschossige Werkstätten, Lagerbereiche, Labore, vor- und rückspringende Hallenteile sowie verschiedene Schuppen. Zahlreiche Fenster- und Türöffnungen wurden im Lauf der Zeit zugemauert, versetzt oder umgenutzt. Das äußere Bild ist deshalb von unregelmäßigen Baufluchten, variierenden Geschosshöhen und unterschiedlichen Materialien geprägt.
Produktionsablauf in der historischen Nutzung
Das Herstellungsverfahren begann mit dem Abbau des Tons, der in unmittelbarer Nachbarschaft gewonnen wurde. Das Material wurde in Loren ins Pressenhaus oder in die Aufbereitungshallen transportiert. Dort erfolgte das Mischen und Zerkleinern, oft durch Walzwerke oder Kollergänge, sodass eine homogene Rohmasse entstand. Anschließend wurde der Ton in Strangpressen oder anderen Maschinen zu Ziegelrohlingen geformt.
Diese Rohlinge mussten gründlich getrocknet werden, um Spannungsrisse im Brennprozess zu vermeiden. Hierfür standen die über dem Ofen liegenden Trockengeschosse und die Kanaltrockenanlage zur Verfügung. In älteren Zeiten nutzte man auch luftige Hallen, in denen die Ziegel an der bloßen Luft trockneten. Durch die Industrialisierung, vor allem mit dem Hoffmannschen Ringofen, gelang eine spürbare Beschleunigung der Prozesse.
Der Brand selbst folgte dem Prinzip des kontinuierlichen Brennens. Ein Segment des Ofenrings befand sich immer in der Feuerphase, das nächste kühlte ab, während die weiter davorliegenden Abschnitte bereits entladen oder neu beschickt wurden. Die anfallende Abwärme diente wiederum dazu, die Ziegel in anderen Ofenkammern vorzuwärmen oder die Trocknungskanäle zu beheizen. Nach dem erfolgreichen Brand wurden die fertigen Steine entnommen, vorsortiert und dann entweder unmittelbar zum Bau geliefert oder in Lagerräumen auf dem Gelände gestapelt.
Denkmalstatus und Erhaltungszustand
Die sächsischen Denkmalschutzbehörden erkannten die baukulturelle Bedeutung der Ziegelei bereits 1991 an und stellten mehrere Teile – darunter Ringofen, Wasserturm und die anliegenden Produktionstrakte – unter Schutz. Dieser Status verpflichtet zur Erhaltung der wesentlichen Konstruktions- und Gestaltungsmerkmale, schließt aber Rück- oder Umbauten nicht grundsätzlich aus, sofern der historische Charakter gewahrt bleibt.
Seit dem Ende der Produktion in den frühen 1990er Jahren haben Leerstand und Witterungseinflüsse das Bauwerk erheblich beeinträchtigt. Feuchtigkeit, Sturmereignisse und Vandalismus verursachten Schäden an Dachflächen, Holzkonstruktionen und Mauerwerk. In einigen Bereichen droht Einsturzgefahr, vor allem dort, wo Deckenauflager stark erodiert sind. Gleichwohl sind zentrale Elemente wie der Ofen selbst, sein Gewölbe und die Schienensysteme noch vorhanden, was ein relativ vollständiges Bild des historischen Fabrikprozesses vermittelt.
Aktuelle Situation und Ausblick
Ab 2021 wurde das Gelände der ehemaligen Ziegelei in enger Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden umfassend saniert und erweitert. Die GINKGO Projektentwicklung GmbH realisierte dort ein Wohn- und Quartiersprojekt, bei dem sowohl denkmalgeschützte Bestandsbauten als auch Neubauten entstanden. Unter anderem wurde der historische Ringofen teilweise überbaut, um Platz für mehrere Wohnungen zu schaffen; zugleich blieb das innere Ofengewölbe in seiner ursprünglichen Form erhalten und soll künftig museal präsentiert werden.
Die Neubauten auf dem rund 6000 Quadratmeter großen Areal sind als Niedrigstenergiehäuser konzipiert und nutzen unter anderem Sole-Wasser-Wärmepumpen sowie Photovoltaik-Anlagen. Ziel war es, ein möglichst ressourcenschonendes und energieeffizientes Wohnumfeld zu schaffen. Im ehemals gewerblich genutzten Maschinenhaus wurden zudem Loftwohnungen eingerichtet, wobei die hohen Decken und großflächigen Fenster für ein großzügiges Raumgefühl sorgen. Das zentral gelegene Ringofengebäude wird teilweise öffentlich zugänglich sein. Vorgesehen sind ein kleiner Ausstellungsbereich, in dem historische Fotos, Maschinen und Dokumente die Ziegelproduktion vor Ort veranschaulichen, sowie ein gemeinschaftlich nutzbarer Innenraum im Ofen.
Literatur
- Leonore Jonasch: Bauforschung, Analyse und Konzeptentwicklung der Ziegelei „Rotes Haus“ in Meißen. Masterthesis an der Fachhochschule Potsdam, Potsdam 2017.
- Günter Naumann: Stadtlexikon Meißen, Sax–Verlag, Beucha 2009, ISBN 978-3-86729-013-5
- Otto Bock: Die Ziegelei als landwirtschaftliches und selbstständiges Gewerbe, Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin 1905
- Otto Bock: Die Ziegelfabrikation: Handbuch bei Anlage und Betrieb von Ziegeleien, Salzwasser Verlag GmbH, Paderborn 2012 (ND der Ausg. Weimar 1894), ISBN 978-3-86444-765-5