Portechaisen in Meißen
Die Akte "M 102 B" im Stadtarchiv über Portechaisen in Meißen, einst die Bezeichnung für „Sänfte/Tragsessel“, trägt die Überschrift Acta, die zur allgemeinen Bequemlichkeit angeschafften Sänften, die mit den portechaises getroffenen Einrichtung, samt was dem anhängig bertr. Der Rat der Stadt hatte 1773 zwei Sänften als Beförderungsmittel für die Meißner Bürgerschaft angeschafft.


Die Portechaisen (Sänften)
Am 20. September 1773 gab der Rat der Stadt bekannt, dass ab sofort auf dem Rathaus zwei Portechaisen bereitgestellt sind. Die beiden Sänften hatten 70 Taler gekostet und zudem standen dafür auch vier Träger bereit. Man warnte jedoch gleichzeitig in der Bekanntgabe vor tätlichen und wörtlichen Beleidigungen der Träger und gab die Preise zur Nutzung bekannt.
Pächter, Träger und Gebühren
Demnach kostete die Benutzung der Portechaise vom Rathaus zur Königlichen Porzellanmanufaktur-Meißen auf der Albrechtsburg 4 Groschen. Ebenfalls 4 Groschen kostete eine Beförderung in die Vorstädte Neugasse oder Fischergasse. Für die Benutzung innerhalb der Stadtmauern, beispielsweise vom Rathaus nach der Gerbergasse, betrug die Gebühr dagegen nur 2 Groschen. Für eine Viertelstunde Wartezeit verlangte man 1 Groschen. Die Bekleidung der vier Träger wurde vom Rat bereitgestellt. Sie bekamen einen Rock und einen Hut als Dienstkleidung. Trotzdem zählten die Träger nicht zu den städtischen Angestellten. Die beiden Tragesessel wurden von der Stadt gegen einen Jahreszins von 3 Talern (Der Taler = 24 Groschen, der Groschen = 12 Pfennige) verpachtet. Der Pächter hatte aus den Einnahmen die Träger zu entlohnen.
Allerdings sollen die Geschäfte recht schlecht gewesen sein. Der damalige Unternehmer und Pächter Winkelmann hatte wohl oft in die eigene Tasche gewirtschaftet und blieb die Pacht der Portechaisen schuldig. Im Jahre 1778 hatte daher der Rat beschlossen, dass von den Einnahmen ein Viertel abzugeben sei, was allerdings auch kaum Änderungen herbeiführte. Der Unternehmer Winkelmann wurde zunächst entlassen und man suchte einen neuen Pächter. Aber auch die Träger hielten sich nicht immer an die Bestimmungen, denn sie trugen ihre Dienstkleidung fortan auch im Privatleben und verschwanden im Dienst zu oft in einer Schenke. Es gab zudem zahlreiche Beschwerden, weil die Träger beim vereinbarten Warten, wegliefen und der Traggast sie erst suchen musste.
Als sich dann auch im Jahre 1783 kein neuer Pächter gefunden hatte, griff man wieder auf den Unternehmer Winkelmann zurück. Von nun ab sollte er als Pächter im Jahre 4 Taler bezahlen. Als Winkelmann 1792 verstarb, hatte er wie die Akten berichten, im keinem Jahr seine Pacht an die Stadt Meißen beglichen. Sogar das „Geheime Finanzkollegium zu Dresden“ mahnte beim Rat der Stadt Meißen die Tilgung des in die Sänften gesteckten Kapitals von 70 Talern an. Trotzdem wurde eine dritte Sänfte angeschafft.
Es fand sich auch weiterhin kein Pächter für die drei Sänften und man ging nun auf 2½ Taler Jahrespacht herunter. Gleichzeitig erhöhte man die Preise für die Benutzer. Der Weg zur Albrechtsburg kostete statt 4 Groschen jetzt gleich 5 Groschen und 4 Pfennige. Erst 1827 pachtete der damalige Eisenhändler Wölker die drei Sänften für 12 Taler im Jahr und der Rat hoffte auf eine Besserung der allgemeinen Zahlungsmoral. Obwohl nun der neue Pächter vierteljährlich im Voraus zu zahlen hatte, war dessen Schuld im Jahre 1829 bereits auf 32 Taler angewachsen. Der Pächter wurde entlassen. Erneut erhöhte der Rat die Gebühren und der Weg vom Rathaus zur Albrechtsburg kostete nun schon 8 Groschen. Ein neuer Pächter stand nicht bereit, aber auch die benötigten Träger fanden sich nicht ein.
Das Ende der drei Portechaisen
Da sich kein neuer Pächter fand wollte man nun die Nachtwächter als Träger der Portechaisen verpflichten. Sie sollten am Tage die Arbeit der Träger übernehmen und nachts den normalen Dienst der Nachtwächter verrichten. Vom Verdienst als Träger sollten sie ein Drittel an die Stadt zahlen. Die Nachtwächter lehnten ab, denn sie wollten am Tage schlafen.
Ab 1838 häuften sich die Klagen über den schlechten Zustand der Sänften, welche inzwischen schon über 60 Jahre alt waren. Es mangelte an der Festigkeit der Sänften und auch die innere und äußere Bekleidung war schmutzig geworden. Eine Sänfte hatte man zuvor schon für den Krankentransport eingesetzt. Die zweite vorhandene Sänfte benutzte man für „unreinliche“ Personen und nur die dritte wurde noch für den „üblichen“ Verkehr benutzt. In welche der drei Sänften man in dieser Zeit einstig, wusste man nicht.
Nach einem Gutachten des Wagenmeisters Gotthelf Borschdorf beschloss der Rat mit Hilfe der dritten Sänfte, die beiden anderen im Jahre 1839 zu erneuern. Wiederum konnte kein Pächter gefunden werden und die Portechaisen kamen schließlich in das Stadtmuseum Meißen.[1]
Literatur
- Stadtarchiv Meißen, Akte M 102 B, Cämmerey.
- Rat des Kreises Meißen und Kulturbund: Meißner Heimat, Heft Mai 1957.
Einzelnachweise
- ↑ Bernhard Hansen: Akte M 102 B, in Meißner Heimat, Heft Mai 1957, S. 3 und 4.