Meißner Weihnachtsgeschichte – Weihnachtsglück aus Meißner Porzellan

Meißen im Schnee.
Los für die Städtische Volksbücherei von 1923.
Los-Rückseite für die Städtische Volksbücherei von 1923.

Die Meißner Weihnachtsgeschichte – Weihnachtsglück aus Porzellan berichtet über den Jungen Michael und einen Kaufmann, welcher einst einmal in Meißen seine Kindheit verbracht hatte. In der Geschichte begegnen sich beide im Jahre 1923 auf dem Markt.[1]

Als Duri Bucher, ein Kaufmann aus der Schweiz, durch die alten Straßen von Meißen ging, fielen gerade die ersten Schneeflocken vom Himmel herab. Hier in den Gassen hatte er einmal gespielt. Er war in seinem späteren Leben zwar schon fast um die halbe Welt gereist, doch hierher, an den Ort wo er einst einige Jahre seiner Kindheit verbracht hatte, war er bisher nie wieder zurückgekommen. Immer wieder hatte er es sich vorgenommen und stets kam etwas dazwischen. In diesem Jahr war es aber anders. Er wusste selbst nicht, woher ihm plötzlich diese Sehnsucht kam, die so stark war, dass er nicht widerstehen konnte. Gleichzeitig überfiel ihn auch eine seltsame Unruhe, und er hatte das Gefühl, sich beeilen zu müssen, um nicht zu spät am Ort seiner Kindheit anzukommen. Irgendwie war alles etwas seltsam, doch wusste er nicht warum. Seine Freunde, welche er in Meißen noch kannte waren schon vor Jahren gestorben. Von wem konnte er hier erwartet werden? Kurz nachdem er nach einer langen Reise angekommen war, ließ er seinen Koffer ohne auszupacken im Hotel stehen und begab sich voller Neugier auf einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt. Vieles hatte sich im Laufe der Zeit verändert. Er schritt durch die verschneiten Gassen, die ihm überraschend noch wohl vertraut waren und schon bald stand er vor dem Haus, welches er einmal mit seinen Eltern bewohnt hatte. Als Duri Bucher dann am späten Abend durch die Görnische Gasse schritt, konnte er von weitem schon die ehrwürdige Frauenkirche am Marktplatze sehen. Wie damals standen dort auch heute noch die strahlenden Budenreihen des Weihnachtsmarkts.

Wie er so die Auslagen einer Bude betrachtete, packten ihn plötzlich klare Erinnerungen aus seiner Kindheit und er sah sich nun wieder als zehnjährigen Jungen mit verwunderten Augen von Bude zu Bude laufen und im Spiel seiner knabenhaften Fantasie schon gewaltige Einkäufe machen. Er hatte damals für fünfzig zusammengesparte Pfennige heimlich ein Lotterielos gekauft und war von der unbeirrbaren Zuversicht erfüllt, mit diesem Los den Haupttreffer zu gewinnen. Deshalb war er damals mit seinem Los in der Tasche vor allen hellerleuchteten Auslagen stehen geblieben und hatte dabei schon unzählige Geschenke ausgesucht, die er nach der Ziehung kaufen wollte und die er einstweilen in sein kleines Notizbüchlein eingetragen hatte. Genau daran musste der Kaufmann jetzt denken und ein Lächeln huschte dabei über sein Gesicht.

Dass er damals weder den Haupttreffer noch sonst einen Gewinn davontragen konnte, empfindet er auch heute noch mit Bitterkeit, zumal es das letzte Weihnachtsfest gewesen war, was er hier mit seinen Eltern feierte. Inzwischen waren die Jahre vergangen und auch seine geliebten Eltern waren schon lange verstorben.

Mit solchen Erinnerungen im Herzen schlenderte er auf dem Weihnachtsmarkt weiter durch die lockenden Angebote der Händler. Noch immer fragte er sich dabei, weshalb er denn so eilig in die Stadt seiner Kindheit aufgebrochen war? Trieben ihn tatsächlich nur die alten Erinnerungen hierher? Oben vom Kirchturm her begann ein Kinderchor „O, du fröhliche, o, du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“ zu singen. Er blickte nach oben, lief weiter und stieß dabei einen Jungen an, der ebenfalls nach oben blickte. Etwas fiel dem Jungen beim Zusammenstoß aus der Hand. Doch schnell hatte der sich gebückt und hob die kleine braune Scheibe wieder auf. „Entschuldige mein Junge, ich hatte gar nicht aufgepasst“, sagte Duri Bucher schnell und blickte den genauso erschrockenen Jungen an. Nun bemerkte der Kaufmann, dass ihm dieser Junge schon vor einer halben Stunde aufgefallen war. Er bemerkte den auffallend blassen Jungen, weil er prüfend vor fast jeder Bude auf dem Markt stehen blieb und sich alle Dinge genau zu merken schien, die hier zum Kauf angeboten wurden. „Wie heißt du und wie alt bist du?“ „Michael, mein Name ist Michael und ich bin zehn Jahre alt“, antwortete der Kleine. „Du willst hier wohl größere Einkäufe machen?“, fragte er lächelnd weiter. „Ja“, antwortete der Kleine mit Bestimmtheit. Und er zog mit einem schlauen Gesicht die kleine braune Scheibe, die er gerade wieder eingesteckt hatte, aus der Tasche und zeigte sie geheimnisvoll. „Was ist das?“, fragte Bucher. „Was das ist?“ triumphierte der Kleine, „ein Lotterielos ist das!“ „Es ist aus braunem Meißner Porzellan!“

Nun ahnte Duri Bucher die wunderlichen Zusammenhänge, die den Zauber der Weihnachtszeit ausmachen. Er sah jedoch auch die naive Zuversicht, die aus diesem blassen Kindergesicht strahlte.

Duri Bucher hatte begriffen, dass sich genau hier ein Weihnachtsglück anbahnen sollte. Wer es auch immer so wollte, es war eine Sache, die nur zu Weihnachten geschieht. Kaufmann Bucher schlug sich ganz plötzlich mit der Hand vor die Stirn und sagte dabei: „Ja richtig, du heißt Michael und hattest dir ein Lotterielos gekauft. Weißt du, ich suche Dich schon überall und ich bin froh, dass ich dich nun endlich gefunden habe. Du hast nämlich einen großen Gewinn gezogen. Es ist zwar nicht der Hauptgewinn, aber immerhin. Ich gratuliere dir im Namen der Lotterie.“ Der kleine Michael nahm die Nachricht zwar mit großer Freuden auf, aber gleichzeitig auch mit jener wunderbaren Selbstverständlichkeit, die eben nur Kinder besitzen, wenn sie von der Erfüllung eines Wunsches felsenfest überzeugt gewesen sind.

Der Kleine zog nun aus der Hosentasche ein kleine Notizbuch hervor, in das er wie damals Duri Bucher auch, alle Geschenke eingeschrieben hatte, die er am Heiligen Abend seinen Eltern und Geschwistern zugedacht hatte. Ein Wunder, es ist alles so wie damals bei mir, dachte sich der Kaufmann heimlich, ließ sich aber nichts anmerken. „Zeige doch einmal dein Buch her, damit ich sehen kann, ob dein Gewinn dafür auch ausreicht.“ Michael reichte sein Notizbuch und beide blickten hinein. „Reicht es aus?“, fragte Michael. „Ich glaube schon, ja es reicht aus!“ Michaels Augen begannen zu leuchten.

Und nun wurde eingekauft: Pfefferkuchen, Schokolade zwei Flaschen Rotwein, einen großen Schinken, Konfekt, Nüsse und Mandeln. Handschuhe für die Geschwister und für die Mutter einen roten Schal. „Wir haben noch Geld übrig.“, sagte Bucher zu Michael. Und so wurde noch ein stattlicher Christbaum, Kugeln, Engelshaar, Silberfäden und eine kleine Mooskrippe mit Figuren gekauft. Duri Bucher winkte eine Droschke heran und beide fuhren mit den Geschenken zum Elternhaus von Michael. Der Kutscher brachte die Geschenke nach oben und Bucher verabschiedete sich von Michael, der noch immer ein Leuchten in den Augen hatte. „Hier, mein Los“, sagte Michael. Bucher staunte und begriff nicht. „Na für die Abrechnung, damit die Bücher stimmen“, rief Michael und drückte die braune Scheibe in Buchers Hand. „Das hätte ich ja fast vergessen.“, murmelte Duri Bucher, aber Michael war schon in der Haustür verschwunden. Kurz darauf flog noch einmal ein kleines Fenster vom Treppenhaus auf und Michael rief nach unten: „Frohe Weihnachten auch für Sie und Ihre Familie!“

Als die Droschke langsam anfuhr, begannen gerade die dumpfen Glocken der ehrwürdigen Frauenkirche den Abend einzuläuten. Nun wusste der Kaufmann Duri Bucher, was ihn eigentlich so unwiderstehlich in die Stadt seiner Kindheit gezogen hat, und auch weshalb es sehr gut war, dass er sich dabei so beeilt hatte.

Literatur

  • Reiner Graff: Das große Weihnachtsglück aus Porzellan. In. Numis-Post – Das Schweizer Magazin für Münzen, Bad Ragaz, Schweiz, Heft 12/2023.

Einzelnachweise

  1. Reiner Graff: Das große Weihnachtsglück aus Porzellan. In. Numis-Post – Das Schweizer Magazin für Münzen, Bad Ragaz, Schweiz, Heft 12/2023, S. 79 bis 81.