Meißner Weihnachtsgeschichte – Der Geldschatz vom Weihnachtsmarkt

5-Franken-Münze der Schweiz von 1874. Vorderseite.
Krippe auf dem Meißner Weihnachtsmarkt.
5-Franken-Münze der Schweiz von 1874. Rückseite.

Die Meißner Weihnachtsgeschichte – Der Geldschatz vom Weihnachtsmarkt erzählt die Erlebnisse eines Jungen auf dem Meißner Weihnachtsmarkt in den 1970er Jahren.[1]

Weihnachtsgeschichte

Für uns Kinder begannen die Vorweihnachtsfreuden mit der Öffnung des Weihnachtsmarktes in der Meißner Altstadt. Es war immer wieder spannend zu beurteilen, welche der vielen kleinen Buden, wohl in diesem Jahr am schönsten geschmückt war und welches Karussell wir Kinder doch unbedingt einmal ausprobieren sollten. Fast täglich waren wir dann auf dem Weihnachtsmarkt am Rathaus anzutreffen, allerdings nicht nur zum Vergnügen. Gerade am Stand mit den Tannenbäumen und den fein gebundenen Adventskränzen waren kleine Helfer stets willkommen, wenn frisches Tannengrün angeliefert wurde oder ein Lastwagen mit Christbäumen abgeladen werden musste. So mancher Groschen oder auch 50 Pfennig wanderte dann in unsere Tasche. Da die Händler und Schausteller mit ihren Buden und Karussells nicht nur zum Weihnachtsmarkt in unsere Kleinstadt kamen, traf man meist auf bekannte Gesichter.

Ein Meißner Gemüsehändler hatte an den Markttagen im Sommer stets einen großen Stand mit Obst und Gemüse am Markt. Auf dem Weihnachtsmarkt allerdings, verkaufte er aus einem kleinen Hexenhaus heraus duftende Zuckerwatte und gleich daneben stand ein altes hübsch dekoriertes Kinderkarussell. Dort drehten sich kleine Autos, ein Bus, eine Straßenbahn und einige Holzpferde zum Klang von Weihnachtsliedern im Kreis. Wer mit dem Karussell mitfahren wollte, stieg einfach ein und wurde vor einer neuen Runde noch persönlich abkassiert. Dabei fiel ab und zu auch einmal ein Geldstück herunter und durch einen Spalt der vielen aufgeschraubten Bodenbretter. Still, einsam, aber doch gut geschützt, lag dann das Geld über Wochen einfach auf der Straße. Die Fahrt kostete damals nur 20 Pfennig und keiner rückte dafür am Abend ein schweres Karussell zur Seite. Ich selbst fuhr damals leidenschaftlich gern mit den kleinen Motorrädern, die verblüffend echt nachgebaut waren. Als ich dort einmal wieder am Abend auf meinem geliebten Motorrad saß und auf das Abkassieren wartete, sah ich im bunten Schein der vielen kleinen Lampen, unter mir durch die Ritzen der Holzdielen, eine große runde Scheibe liegen. Vermutlich war es eine Unterlegscheibe dachte ich, aber sicher war ich mir nicht. Wie sie dort hingekommen war konnte ich mir zwar denken, aber wie kam ich dort nur heran? Ich merkte mir die Stelle genau. Nach einigen Fahrten während der nächsten Tage, war ich mir dann sicher, dass es nur ein Geldstück sein kann. Es war kurz vor Heilig Abend und einige Buden machten bereits Ausverkauf. Nun musste ich handeln.

Ich wollte mir gerade eine Zuckerwatte kaufen und hatte dazu schon das Geld auf den kleinen Teller gelegt, als sich der freundliche Mann plötzlich aus dem Fenster lehnte. „Na Kleiner, du bist ja schon fleißig mit dem Karussell gefahren, dafür bekommst du heute von mir die Zuckerwatte umsonst.“ Dabei reichte er mir auch schon eine große Portion aus dem Fenster. „Leider bleibt das Karussell nun geschlossen und morgen bauen wir es ab. Meine Frau hat sich gestern den Fuß gebrochen und somit mussten wir schließen. Aber Zuckerwatte kannst Du hier noch jeden Tag haben, wenn Du willst. Sage einmal, willst Du mir beim Abbau vom Karussell ein wenig helfen? Ich schraube morgen Vormittag die kurzen Bodenbretter frei und Du kannst dann am Nachmittag die Bretter hier in den kleinen Wagen stapeln. Eine Stunde Arbeit, mehr nicht. Willst Du?“ Natürlich wollte ich und fragte gleich nach dem Geld, was noch unter den Bodenbrettern auf der Straße liegt. „Du wirst einmal ein richtiger Geschäftsmann, Du gefällst mir! Na gut, alle Münzen die noch unter dem Karussell liegen, gehören Dir. Einzige Bedingung, Geldscheine sind keine Münzen und werden bei mir abgegeben. Klar?“ „Klar!“, antwortete ich sofort und freute mich riesig. „Dann komm morgen am Nachmittag gleich zu mir, ich warte auf dich.“, sagte der Karussellbesitzer und gab mir die Hand. Ich freute mich zwar, denn die große Münze war mir wohl nicht mehr zu nehmen, doch war da ein Problem was es noch zu meistern galt. Das Problem hieß Nachmittagsunterricht und Schulsport am kommenden Tag.

Ganz absichtlich hatte ich dann am nächsten Morgen die Sportsachen „vergessen“. Ganz brav ging ich also zum Sportlehrer und beichtete meine Vergesslichkeit. Ich brauchte zwar nicht am Sportunterricht teilnehmen, bekam dafür aber schon im Voraus eine Fünf für die geplanten Übungen im Bodenturnen. Damals war es mir aber fast egal, denn Bodenturnen konnte ich recht gut. Wenn nur die Münze noch da war. Gleich nach dem Unterricht rannte ich zum Weihnachtsmarkt und konnte aufatmen. Der Budenbesitzer schraubte gerade die letzten Schrauben heraus und jedes Brett lag noch an seiner Stelle. Alle Bretter hatte er inzwischen mit Kreide nummeriert. Sofort begann ich mit der Arbeit und zeitgleich füllte ein Groschen nach dem anderen meine Taschen. Die große Münze glänzte zu meiner Enttäuschung nun nicht mehr, sie war eher grau aber hatte ein gutes Gewicht. Auch sie wanderte in meine Tasche. Die Arbeit war tatsächlich rasch erledigt und in der gut geheizten Bude warteten auf mich Bratwürste und Tee zur Stärkung.

Nun machten wir Abrechnung. Natürlich war auch der Budenbesitzer neugierig, was ich denn da alles unter dem Karussell an Geld gefunden hatte. Ich leerte meine Taschen. „Oh, das ist ja ein „Fünfliber“, ein 5-Franken-Stück aus der Schweiz! Junge, du Glückspilz“, rief der Mann erfreut auf. Auch an heimischem Gelde waren 2,75 Mark zusammengekommen. Natürlich durfte ich alles, wie abgemacht, behalten. Dazu bekam ich noch ein Zweimarkstück für die Arbeit geschenkt. Ich war glücklich.

Erst viel später wusste ich, dass dieses Schweizer 5-Franken-Stück aus 900er Silber ist. Aus meiner heutigen Sicht hatte ich mich damals wohl nicht ganz fair um die Sportstunde geschummelt. Trotzdem, was war schon eine Fünf im Sport gegen ein silbernes „5-Franken-Stück“ von 1874?

Literatur

  • Reiner Graff: Wegen einem Fünfliber Stück habe ich einmal die Schule geschwänzt. In. Numis-Post – Das Schweizer Magazin für Münzen, Bad Ragaz, Schweiz, Heft 12/2021.

Einzelnachweise

  1. Reiner Graff: Wegen einem Fünfliber Stück habe ich einmal die Schule geschwänzt. In. Numis-Post – Das Schweizer Magazin für Münzen, Bad Ragaz, Schweiz, Heft 12/2021, S. 78 bis 80.