Margarete und Elsbeth Große

Die Schwestern Margarete (Marga) Große (* 19. Mai 1876 in Meißen; † 31. August 1951 ebenda) und Elsbeth (Elli) Große (* 3. Oktober 1879 in Meißen; † 8. Mai 1947 ebenda) waren deutsche Bergsteigerinnen, Ballonfahrerinnen, Autorinnen und Lehrerinnen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausragende alpinistische Leistungen erbrachten, obwohl sie in der heutigen alpinistischen Geschichtsschreibung kaum erwähnt werden.
Frühes Leben und berufliche Laufbahn
Margarete und Elsbeth Große wurden in Meißen geboren und wuchsen wohlbehütet in der Familie des Kaufmanns Ernst Große und seiner Frau Auguste auf. Während Margarete eine mehrstufige Ausbildung im Lehrerinnen-Seminar Callenberg bei Zwickau absolvierte, übernahm Elsbeth nach ihrem Schulabschluss die Hausarbeit und die Pflege der Eltern. Ihre Mutter verstarb 1899 und ihr Vater 1909.
Nach ihrem Studienabschluss im Jahr 1896 fand Margarete Anstellung als Hilfslehrerin an der Höheren Mädchenschule in Bautzen. 1902 kehrte sie nach Meißen zurück und arbeitete als Lehrerin an der Neumarktschule. Sie unterrichtete vor allem Französisch und Englisch. Margaretes Berufswahl war stark von ihrem Drang nach wissenschaftlicher Ausbildung geprägt, da Frauen in Deutschland zu dieser Zeit das Studium noch nicht gestattet war.
Anfänge des Alpinismus
Die Schwestern entdeckten ihre Liebe zur Natur und zum Bergsteigen in ihrer Heimatregion, dem Meißner Gebiet. Sie kletterten an verschiedenen Felsformationen wie der Boselspitze, den Proschwitzer Höhen und dem Götterfelsen. Diese frühen Klettererfahrungen legten den Grundstein für ihre spätere Leidenschaft für den Alpinismus
Eintritt in den Alpenverein und erste Alpenfahrten
Im Jahr 1899 traten die Schwestern der Sektion Meißen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuÖAV) bei, zu einer Zeit, als viele Sektionen des Alpenvereins noch keine Frauen als Mitglieder aufnahmen. Die Sektion Meißen vom DuÖAv baute 1926 auch die Alpenschutzhütte "Meissner Haus" in der Nähe vom Patscherkofel. Eine Sprachstudienreise nach Genf im selben Jahr infizierte sie beide mit dem „Bergvirus“, der sie ihr Leben lang begleiten sollte.
In den folgenden Jahren unternahmen sie zahlreiche Berg- und Ballonfahrten. Elsbeth führte detaillierte Tagebücher über ihre Unternehmungen, die insgesamt etwa 5500 handschriftliche Seiten umfassen und von Bergtouren und Ballonfahrten zwischen 1899 und 1912 berichten.
Hochtouren und bedeutende Bergbesteigungen
Die Schwestern Große führten bis 1944 über 40 selbständig organisierte Alpen-, Gebirgs- und Italienfahrten durch. Sie bestiegen bedeutende Gipfel wie den Großglockner, den Dachstein, den Watzmann und die Zugspitze. Ihre Touren erforderten umfangreiche Vorbereitung und Training, und sie dokumentierten ihre Erlebnisse akribisch.
Im Sommer 1904 unternahmen sie eine bedeutende Hochtourenreise, die sie unter anderem auf den Großglockner, den Großvenediger, den Dachstein, den Watzmann und die Zugspitze führte. Die Erlebnisse dieser Touren beschrieben sie später in ihrem Buch „Frauen auf Ballon- und Bergfahrten“. Ihre Besteigungen waren geprägt von intensiver Vorbereitung, heimischem Training und einer langen Anfahrt mit der Eisenbahn.
Ballonfahrten

Margarete und Elsbeth Große waren auch Pionierinnen in der Ballonfahrt. Ihre erste bedeutende Ballonfahrt unternahmen sie am 25. März 1907 von Tegel nach Ebersbach in der Oberlausitz. Sie berichteten von dieser und weiteren Fahrten in verschiedenen Büchern und Artikeln. Ihre Ballonfahrten über die Alpen fanden besonderes Interesse, und sie setzten neue Maßstäbe für Frauen in diesem Sport.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erwarben Margarete und Elsbeth Große als fünfte und siebte Frau in Deutschland das Freiballon-Führerpatent. Ihre Alpenballonfahrten, wie die von 1909 von Innsbruck nach Südmähren und die von 1911 mit einer Landung in 2000 Metern Höhe, wurden international anerkannt. Besonders die Fahrt am 23. Juli 1909 mit dem Ballon „Graf Zeppelin“ unter der Führung von Hauptmann von Funke, die sie von Innsbruck bis nach Mährisch Budwitz führte, war eine bemerkenswerte Leistung.
Publikationen und Vorträge

Margarete Große verfasste zahlreiche Artikel und Beiträge für alpine Zeitschriften wie die Österreichische Alpenzeitung (ÖAZ), die Deutsche Alpenzeitung (DAZ) und die Österreichische Touristenzeitung (ÖTZ). Ihr Buch „Frauen auf Ballon- und Bergfahrten“, das 1951 veröffentlicht wurde, ist ein wichtiges Dokument ihrer Erlebnisse und ihres Engagements für den Frauenalpinismus.
Die Schwestern hielten auch zahlreiche Vorträge über ihre Berg- und Ballonfahrten. Margarete Große war eine der ersten Frauen, die am Vortragspult des Österreichischen Alpenklubs stand. In Meißen hielt sie 1905 ihren ersten öffentlichen Vortrag über sommerliche Ortler-Besteigungen, der in der Meißner Zeitung ausführlich berichtet wurde. Auch in anderen Städten wie Dresden, Stuttgart, Bautzen und Wien traten sie als Referentinnen auf.
Internationale Anerkennung und Engagement
Die Schwestern Große pflegten freundschaftliche Beziehungen zu bedeutenden alpinistischen Persönlichkeiten wie Otto Ampferer, Dr. Karl Blodig und Hans Fiechtl. Margarete Große widmete Hans Fiechtl nach dessen tödlichem Absturz 1925 einen Nachruf in der Österreichischen Touristenzeitung (ÖTZ). Ihre Bekanntheit und ihr Engagement brachten ihnen zahlreiche Ehrungen ein. 1926 erhielten sie ein Ehrendiplom der Montblanc-Führerschaft und vom Präsidenten des Verbandes der französischen Alpinisten für ihre herausragenden Leistungen bei der Besteigung des Montblanc.
Spätere Jahre und Vermächtnis
Nach dem Ende ihrer aktiven Ballonfahrten blieben die Schwestern der alpinen Gemeinschaft verbunden. Margarete Große war bis ins hohe Alter als Lehrerin tätig und engagierte sich weiterhin in der alpinen Literatur und Publizistik. Ihr Buch „Frauen auf Ballon- und Bergfahrten“ bleibt ein bedeutendes Werk, das ihre Leistungen und ihre Liebe zu den Bergen dokumentiert.


In ihrer Heimatstadt Meißen wurde der Geschwister-Große-Weg in Bohnitzsch nach den beiden Schwestern benannt. Ihre Beiträge zur alpinen Literatur und zur Ballonfahrt bleiben ein wichtiges Zeugnis ihres Engagements und ihrer Pionierarbeit in diesen Bereichen. Ihre umfangreichen Tagebücher und Publikationen befinden sich heute in verschiedenen Archiven und Bibliotheken, darunter die Bibliothek des Sächsischen Bergsteigerbundes und die Bibliothek des Deutschen Alpenvereins.
Die Schwestern hinterließen eine Vielzahl von Dokumenten, darunter Tagebücher, Artikel und ihr Buch „Frauen auf Ballon- und Bergfahrten“. Ihre Tagebücher, die detaillierte Berichte über ihre Berg- und Ballonfahrten zwischen 1899 und 1912 enthalten, umfassen etwa 5500 handschriftliche Seiten. Diese wertvollen Dokumente befinden sich heute im Archiv des Sächsischen Bergsteigerbundes in Dresden.
Margarete Große verfasste auch zahlreiche Beiträge für führende alpine Zeitschriften wie die Deutsche Alpenzeitung (DAZ), die Österreichische Alpenzeitung (ÖAZ) und die Österreichische Touristenzeitung (ÖTZ). Ihre Artikel behandelten Themen wie Bergtouren, Ballonfahrten, Kartographie und Erdkunde sowie Übersetzungen und Rezensionen fremdsprachiger alpiner Literatur.
Die Schwestern Große waren Vorreiterinnen im Bereich des Frauenalpinismus und der Ballonfahrt. Ihre Leistungen und ihr Engagement für die Gleichberechtigung der Frauen in diesen Bereichen waren herausragend. Margarete Große trat in ihren Artikeln und Vorträgen regelmäßig für die Rechte der Frauen ein und kritisierte die bestehenden Ungleichheiten in den alpinen Vereinen.
Ihre umfangreichen Publikationen und Tagebücher sind wichtige Zeugnisse ihrer Zeit und bieten wertvolle Einblicke in die Geschichte des Alpinismus und der Ballonfahrt. Obwohl sie in der heutigen alpinistischen Geschichtsschreibung kaum erwähnt werden, verdienen ihre Leistungen und ihr Engagement uneingeschränkte Anerkennung und Wertschätzung.
Literatur
- Margarete Große: Frauen auf Ballon- und Bergfahrten. Verlag der Österreichischen Bergsteiger-Zeitung, Wien 1951.
- Joachim Schindler: Ein Stück unserer Seele aber blieb in den Alpen!. In: Alpenvereinsjahrbuch BERG 2022. Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien, 2021, ISBN 978-3-7022-3977-0., S. 182-191.
- Joachim Schindler: Wer waren Margarete und Elisabeth Große?. In: Aus der sächsischen BergsteigerGeschichte. Interessengemeinschaft Sächsische Bergsteigergeschichte. Dresden, 2018, ISSN 1619-165X, S. 8-14.