Brandnacht bei Biesolt & Locke

Die abgebrannte Nähmaschinenfabrik Biesolt & Locke am Neumarkt.
Die ehemalige Nähmaschinenfabrik nach der Brandnacht.
Werbeanzeige von Biesolt & Locke um 1914.

Ein verehrender Brand hatte in der Nacht vom 21. April auf den 22. April 1914 die im Jahre 1869 gegründete Nähmaschinenfabrik Biesolt & Locke in Meißen am Neumarkt vollständig vernichtet.

Der Brand

Bereits am Nachmittag vom 21. April 1914 kam es in der Nähmaschinenfabrik zu einem Kleinbrand mit geringer Rauchentwicklung, welcher allerdings schnell gelöscht werden konnte. Vom Brand betroffen war die Tischlerei in dem sich Kreis- und Flachsägen sowie Holzleisten zur Kistenherstellung für die Verpackung der Nähmaschinen befanden. Die besagte Tischlerei befand sich in der Fabrik auf der gegenüberliegenden Seite vom Neumarkt an der Triebisch. Ein „Exhaustor“, eine Absaugvorrichtung, welche den Säge- und Holzstaub von den Sägen absaugt, soll am Kleinbrand schuld gewesen sein. Der anfallende Holzstaub wurde durch die Absaugvorrichtung über eine Leitung direkt in die Feuerung im Kesselhaus geleitet. Dabei hatte sich in den Absaugleitungen Holzstaub entzündet. Offenbar war es der angerückten Feuerwehr am Nachmittage nicht gelungen alle schwelenden und glimmenden Rückstände in der Absaugvorrichtung zu erkennen und zu löschen.

Bis zum Feierabend und auch am Abend wurde von den Nachtwachen der Fabrik nichts außergewöhnliches festgestellt. In der Tischlerei war offenbar alles in Ordnung. Erst gegen 22:30 Uhr wurde eine größere Rauchentwicklung in der Tischlerei festgestellt und sofort die Freiwillige Feuerwehr Meißen alarmiert. Die Alarmierung geschah auch fast gleichzeitig durch automatische Feuermeldung.

Zuerst trafen die Löschmannschaften der Freiwilligen Feuerwehr Meißen am Brandort ein. Sie bezogen Position im hinterem Teil des Fabrikhofes direkt an der Tischlerei, in der es kurze Zeit später zu einer Explosion kam. Die in der Tischlerei lagernden Holzstöße, Leim- und Polierkessel brannten nun ebenfalls und das Feuer hatte sich schnell auf das gesamte Gebäude längs vom Triebischufer ausgebreitet. Der Brand wurde zunächst mit acht und später mit zwölf Schlauchleitungen, die von Hydranten der Städtischen Wasserleitung gespeist wurden, bekämpft. Zu Hilfe geeilt war inzwischen auch die Feuerwehr der Deutschen Jutespinnerei und Weberei, die Fabrikfeuerwehr von Biesolt & Locke sowie weitere Feuerwehren der benachbarten Gemeinden. Trotzdem gelang es den Löschmannschaften nicht das Feuer einzudämmen und sie konnten eine weitere Ausdehnung der Flammen nicht verhindern.

Innerhalb von 10 Minuten hatten die Flammen auch auf die angrenzenden Gebäude und die langen Maschinensäle quer zum Neumarkt übergegriffen. Das Feuer bahnte sich nun praktisch den Weg von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz. Unterstützt wurden sie dabei von den mit Öl und Petroleum getränkten Holzböden und Holzdecken. Obwohl inzwischen die Feuerwehren mit 14 Schlauchleitungen gegen die Flammen kämpften stand bald die gesamte 14.000 qm große Arbeitsfläche in einer einzigen Glut- und Feuerwelle. Stockwerk für Stockwerk brach nun unter der Last der bereits hergestellten Nähmaschinen und den rund 700 Werkzeug- und Bearbeitungsmaschinen zusammen. Nur wenige Dinge und einige Geschäftsbücher konnten noch in benachbarte Grundstücke in Sicherheit gebracht werden. Immer wieder waren Explosionen vernehmbar, wenn im Innern der Gebäude die vielen Vorratsbehälter gefüllt mit Lack-, Öl- und Petroleum mit dumpfem Knall in Flammen aufgingen.

Die Hitze war inzwischen in Gebäudenähe unerträglich geworden und die Nachbargrundstücke wie auch die Neumarktschule waren extrem bedroht. An der Neumarktschule hatte sich bereits der Dachfirst entzündet und brannte. Noch rechtzeitig konnten die alarmierten Kräfte der inzwischen zur Hilfe angerückten Dresdner Berufsfeuerwehr eine weitere Ausdehnung der Flammen auf die Nachbargebäude mit zwei Hauptleitungen, fünf Nebenleitungen und unter Aufwendung großer Wassermassen abwenden. Das Feuer blieb damit nur auf einem Herd beschränkt. Doch die Flammen hatten am frühen Morgen des 22. April 1914 die gesamte Nähmaschinenfabrik vernichtet. 800 Arbeiter der Fabrik hatten ihren Arbeitsplatz verloren.[1]

Nach dem Brand

Bei den Aufräumarbeiten kam es nach drei Wochen nochmals zum Brand auf dem ehemaligen Fabrikgelände. Die Flammen loderten erneut aus bisher unentdeckt gebliebenen Glutnestern auf. Der Wind hatte in der Brandnacht kleinere Papierbögen aus den Kontor von Biesolt & Locke mit verkohlten Rändern bis in die umliegenden Dörfer getragen.[2]

In den Zeitungsberichten von damals wird auch immer wieder „Gustav Schmidt“, der Maschinist der Nähmaschinenfabrik, lobend erwähnt. Er soll beim Brande noch im dichtesten Rauch und bei nahenden Flammen die mächtigen Dampfkessel abgelassen und deren drohende Explosion wirksam verhütet haben. Im Adressbuch der Stadt Meißen und der Vororte Maisatal und Lercha von 1914, ist ein Gustav Schmidt, als einziger Maschinist, wohnhaft Lindenplatz Nr. 1 aufgeführt.[3] Ob es sich dabei tatsächlich um den Maschinisten von Biesolt & Locke handelte ist nicht geklärt.

Pläne zum Wiederaufbau

Bereits am 6. Mai 1914 war der Mitbegründer der Firma, Kommerzienrat Maximilian Biesolt, nach langer schwerer Krankheit verstorben. Der einzige Schwiegersohn, Herr Ernest Sergler, wurde nun Mitinhaber der Firma. Beabsichtigt war zunächst die Nähmaschinenfabrik an gleicher Stelle wieder aufzubauen und als G.m.b.H. weiter zu führen. Demnach sollte die zukünftige Leitung der frühere Mitinhaber Ingenieur Hermann Locke und der langjährige kaufmännische Direktor der alten Firma Hermann Kirst übernehmen. Im Aufsichtsrat der G.m.b.H. sollten dann die Vorbesitzer als auch die Dresdner Firma „Seidel & Naumann A. -G.“ vertreten sein. Die neue Fabrik in Meißen sollte bereits Ende 1914 in Betrieb gehen. Der Erste Weltkrieg verhinderte allerdings die Pläne. Eine neue Nähmaschinenfabrik wurde nicht mehr gebaut.[4][5]

Die bereits bestellten und nach dem Brande nicht mehr ausgelieferten Nähmaschinen von Biesolt & Locke wurden bei der Dresdner Nähmaschinenfabrik „Seidel & Naumann A. -G.“ gefertigt und von dort ausgeliefert.

Literatur

  • Firma Biesolt & Locke: Lodernde Flammen ... , Broschüre, Eigenverlag, 1914.
  • Oesterreichische Nähmaschinen-Zeitung: Die Vernichtung der Meißner Nähmaschinenfabrik von Biesolt & Locke in Meißen., in Oesterreichische Nähmaschinen-Zeitung, Nr. 120 von 1914.
  • Sächsische Volkszeitung, Nr. 116, vom 22. Mai 1914.
  • Riesaer Tageblatt und Anzeiger, 67. Jahrgang, Nr. 117, vom 23. Mai 1914.
  • Adressbuch der Stadt Meißen und der Vororte Maisatal und Lercha, 1914.

Einzelnachweise

  1. Oesterreichische Nähmaschinen-Zeitung: Die Vernichtung der Meißner Nähmaschinenfabrik von Biesolt & Locke in Meißen., Nr. 120 von 1914, S. 21 bis 22.
  2. Oesterreichische Nähmaschinen-Zeitung: Die Vernichtung der Meißner Nähmaschinenfabrik von Biesolt & Locke in Meißen., Nr. 120 von 1914, S. 23.
  3. Adressbuch der Stadt Meißen und der Vororte Maisatal und Lercha, 1914, S. 257.
  4. Sächsische Volkszeitung, Nr. 116, 22. Mai 1914, S. 6.
  5. Riesaer Tageblatt und Anzeiger, 67. Jahrgang, Nr. 117, 23. Mai 1914, S. 3.