Übung der Feuerwehren bei der Porzellanmanufaktur Meißen (1900)

Die Königliche Porzellanmanufaktur.

Am 10. Juni 1900 fand eine kombinierte Übung der freiwilligen Feuerwehren von Meißen statt. An der Übung beteiligt war die Freiwillige Feuerwehr Meißen, die freiwillige Feuerwehr der Jutespinnerei und Weberei, der Fischergasse und die freiwillige Feuerwehr von Cölln.

Ziel der Übung war es, sich mit den Gegebenheiten größerer Bauwerke der Stadt genauer bekannt zu machen. So hatte man dann auch die Königliche Porzellanmanufaktur an der Talstraße im Triebischtal zur gemeinsamen Hauptübung ausgewählt. Die Gebäude der Manufaktur waren zwar um 1900 schon recht gut und für die damalige Zeit auch ausreichend mit Feuerschutz versehen, trotzdem konnte auch dort jederzeit ein Brand entstehen, welcher schnell an Ausdehnung gewinnt. Es ging bei der Übung auch darum, den dann zur Brandbekämpfung heraneilenden Löschmannschaften eine gewisse Ortskenntnis zu vermitteln. Das große Areal der Manufaktur machte es ja schon manchen dort Angestellten nicht leicht, sich in den weitläufigen Höfen, Gängen und Sälen zurechtzufinden. Ein weiteres Ziel der Übung war, das Zusammenspiel der einzelnen Feuerwehren bei einer gemeinsamen Brandbekämpfung, ausgiebig zu testen.

Bereits vorhandene Brandschutzmaßnahmen und Geräte

In der Manufaktur gab es bereits vorhandene Löschhilfen. Es gab ein Druckwerk, welches aus einem ergiebigen Brunnen gespeist werden konnte. In allen Etagen der Gebäude gab es zahlreiche Wasseranschlüsse. Zudem standen gleich sieben Hydranten der städtischen Wasserleitung zur Verfügung, die je 4 Schlauchleitungen zu gleicher Zeit speisen konnten. Ferner befanden sich auf den Böden der einzelnen Gebäude Wasserreservoirs, von den Leitungen in die einzelnen Stockwerke gingen. Es standen zwei fahrbare Spritzen und eine fahrbare Schiebeleiter mit 13 Metern Steighöhe zur Verfügung. Außerdem war eine geübte „Mannschaft“ der Porzellanmanufaktur bei Gefahr, zum Beispiel bei Gewitter, auf ihren vorgeschriebenen Posten in den Gebäuden, um im Ernstfall sofort eingreifen zu können. Diese kleine „Feuerschutztruppe“ unter der Leitung von Werkmeister Koal hatte dann auch bei der Übung mitgewirkt und war in die angenommenen Löscharbeiten mit eingebunden.

Übungsablauf

Zur Hauptübung wurde angenommen, dass es im Mittelbau der Manufaktur, hinter dem Haupteingang im Hofe, im Dachwerk, zum Brand gekommen war. Die „Feuerschutztruppe“ der Manufaktur hatte demnach sofort mit der Brandbekämpfung begonnen, jedoch schnell bemerkt, dass in diesem Fall die eigenen Einsatzkräfte nicht ausreichen. Per Telefon wurde daher ein Großbrand bei der Hauptfeuerwache im Meißner Rathaus gemeldet.

Binnen kürzester Zeit traf daraufhin ein kleiner Zug der Freiwilligen Feuerwehr Meißen mit fünf Mann unter Brandmeister Lochmann, auf einem Wagen der Meißner Straßenbahn an der Porzellanmanufaktur ein. Der elektrischen Straßenbahn war dabei noch ein Schlauchwagen angehängt. Die kleine Mannschaft fand die ersten Vorbereitungen der „Fabrikmannschaft“ schon getroffen , sodass schon nach sechs Minuten von einem Hydranten Wasser gegeben werden konnte. Doch der angenommene Brand breitete sich weiter aus, sodass der inzwischen am Brandort eingetroffene Branddirektor Hofmann seine ebenfalls eingetroffenen Ordonnanzen mit dem Ersuchen um Hilfeleistung an die Feuerwehr der Jutespinnerei, sowie an die freiwilligen Feuerwehren von Fischergasse und Cölln entsandte. Die Ordonnanzen machten sich mit ihren Diensträdern auf den Weg.

Feuerwehr Meißen vollständig eingetroffen

Die Meißner Feuerwehr war nun mehr vollzählig zur Stelle. Der zweite Zug erhielt den Auftrag, am Hauptbrandherde, an der gefährdetsten Stelle mit einzugreifen, der erste Zug sollte dabei mit der Schiebeleiter unterstützen. Der dritte und vierte Zug nahm an der Talstraße Aufstellung, um das Hauptgebäude mit der wertvollen Sammlung und die Wohnungen im Flügel zu sichern. An dieser Stelle wurde auch die große Schiebeleiter postiert und es gab Übungen mit der Hakenleiter. Die zweite, kleinere Schiebeleiter wurde mit ihrer Mannschaft im Hof platziert und hatte an einem wichtigen Verbindungsgang „Beobachtungsdienst“.

Feuerwehr der Jutespinnerei eingetroffen

In dieser Zeit traf nun auch die freiwillige Feuerwehr der Jutespinnerei und Weberei ein und deckte mit ihrer Schiebeleiter und je einen Schlauch die beiden Gebäudeflügel zur Gasanstalt. Das war eine ganz wichtige Aufgabe, denn bekanntlich hängt von der Gasanstalt nicht nur die Beleuchtung der Stadt, sondern auch die Wasserversorgung und der Betrieb der Straßenbahn ab.

Feuerwehr Fischergasse eingetroffen

Nun kam auch die Feuerwehr Fischergasse mit ihrer pferdebespannten Spritze und Schiebeleiter zur Hilfe. Sie bekam den Auftrag, vom Hydranten an den „Akazien“ die Löschkräfte an der Schlämmerei, welche auf der Hofseite waren, zu unterstützen. Doch der besagte Hydrant stellte sich als gebrauchsunfähig (nur angenommen) heraus und gab kein Wasser. Daraufhin wurde die Spritze der Fischergasse in Dienst gestellt, welche nun aus dem Mühlgraben gespeist wurde. Dazu hatte man dann noch den dafür benötigten Schlauch von der Porzellanmanufaktur requiriert.

Feuerwehr aus Cölln eingetroffen

Die eingetroffene Feuerwehr aus Cölln nahm neben der Feuerwehr der Fischergasse an der Talstraße Aufstellung und sicherte mit ihrer Schiebeleiter und der Mannschaft ebenfalls die Gebäudeflügel der Manufaktur zur Gasanstalt.

Inzwischen hatten sich in der gesamten Umgebung der Manufaktur und besonders an den gegenüberliegenden Grünanlagen, vermutlich tausende Schaulustige eingefunden, welche die Übung verfolgten, allerdings dabei nicht trocken geblieben sind. Einige Zuschauer waren vorsorglich schon mit dem Regenschirm erschienen. Als sich dann aus 18 Strahlrohren vom Erdboden und von den Leitern aus, eine wahre „Sintflut“ über die Gebäude der Manufaktur ergoss, kam das Schlusssignal „Wasser Halt.“ Die Übung war beendet.

Eingesetzte Geräte

Am Ende der Übung, die in Gegenwart des Oberbetriebsinspektors Bergrat D. Heintze stattfand, waren ca. 2000 Meter Schlauch verlegt worden (darunter 500 Meter gummierter Schlauch von Cölln und 500 Meter Schlauch von der Porzellanmanufaktur). Aus 18 Strahlrohren wurde bei der Übung Wasser auf die Gebäude der Porzellanmanufaktur gegeben. Die Presse sprach damals von einer „Massenmobilmachung“ der Feuerwehren mit 276 Mann (Meißen 108, Cölln 78, Jutespinnerei 58 und Fischergasse 32). Dazu kamen noch die insgesamt 18 Feuerwehrfahrzeuge (Spritzen und Schiebeleitern).

Ausklang der gemeinsamen Übung

In der Gaststätte „Sonne“ am Theaterplatz fand der „Ausklang“ der Übung statt. Von der Porzellanmanufaktur war dazu ein Fass Bier gespendet worden, welches laut begrüßt wurde. Es gab mehrere Ansprachen in dem auch ein weiterer Zweck der Übung angesprochen wurde. Branddirektor Hofmann (Meißen) erinnerte daran, wie die Meißner Feuerwehr schon oft mit derjenigen der Jutespinnerei zusammengearbeitet und wie die Wehr von der Fischergasse trotz ihrer Jugend schon Schulter an Schulter mit der Meißner Wehr gegen das Element gekämpft hat. Seltener ist dies mit Cölln der Fall gewesen, doch habe sich bereits eine Annäherung beider Feuerwehren angebahnt. Die geplante Vereinigung der politischen Gemeinden wird diese Annäherung vollenden. Branddirektor Oeser (Cölln) sprach seine Freude aus, dass es ihm und seiner Wehr vergönnt gewesen sei, nach längerer Zeit wieder einmal mit der Meißner Wehr zusammenzuarbeiten.[1]

Literatur

  • Sächsische Feuerwehr-Zeitung, Verlag H. Simon in Cölln-Elbe.

Einzelnachweise

  1. Sächsische Feuerwehr-Zeitung, Verlag H. Simon in Cölln-Elbe, Jahrgang 1900, S. 227 und 228.