Meißner Weihnachtsgeschichte – Warten auf den Weihnachtsmann
Die Meißner Weihnachtsgeschichte – Warten auf den Weihnachtsmann berichtet über einen kleinen Jungen aus dem Stadtteil Triebischtal.

Laut und langgezogen war der Pfiff der Lokomotive vom nahe gelegenen Schmalspurbahnhof Jaspisstraße. Wenn ich mich damals auf den heimischen Küchenstuhl stellte und ein kleines Guckloch durch die angelaufene Fensterscheibe wischte, konnte ich die hell erleuchteten Fenster der kleinen Waggons sehen, die gerade von einer Lokomotive in den Bahnhof geschoben wurden. Dicke weiße Dampfwolken hüllten die wenigen Menschen, welche den letzten Zug noch erreichen wollten, auf dem Bahnsteig ein. Einige Dampfwolken ließen die Leute dann plötzlich für eine kurze Zeit, teilweise oder ganz im Nebel verschwinden. Als ich damals sechs Jahre alt war, war ich fest davon überzeugt, dass der Weihnachtsmann mit der Schmalspurbahn ankam und dann hier in seinen Schlitten umstieg. Wenn ich mit meiner Oma zum Einkaufen ging, mussten wir am Bahnhof vorbei und ich konnte mir die vielen abgestellten Waggons aus der Nähe betrachten. Besonders in der Vorweihnachtszeit hatte dieses immer für mich einen besonderen Reiz gehabt. Oft lag noch Stroh, welches aus den Waggons gefallen war, neben den Gleisen im Schnee. Einmal sagte meine Oma: „Die Pferde für den Schlitten des Weihnachtsmannes sind heute früh angekommen. Bald wird auch der Weihnachtsmann hier aus dem Zug steigen. Wann Oma, wann kommt der Weihnachtsmann, fragte ich? Na, in drei Tagen ist der Heilige Abend. Aber der Weihnachtsmann kommt schon einige Tage vorher, um zu sehen ob die Kinder auch alle artig gewesen sind. Dann fährt er wieder zurück und holt die Geschenke, um am Heiligen Abend die Kinder zu beschenken.“ Ich glaubte meiner Oma jedes Wort.
Den Weihnachtsmann am Bahnhof abholen, oh ja, das wäre ein Ding, dachte ich mir. Ich musste nur noch herausbekommen, wann er hier eintraf. Am nächsten Tag, stiefelte ich entschlossen zum kleinen Bahnhof, um mich nach dem Weihnachtsmann umzusehen. Alles war dicht verschneit und der Schnee knirschte unter meinen Schuhen. Der Bahnhof war leer, nur der freundliche Onkel mit der roten Mütze, welcher immer die Kelle hob und in die silberne Trillerpfeife blies, war auf dem Bahnsteig. Er fegte emsig Schnee vor dem kleinen Warteraum. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte, mit welchem Zug denn der Weihnachtsmann ankäme. „Da drüben, fügte ich noch hinzu und zeigte auf das Stroh. Seine Pferde sind doch gestern schon angekommen!“ „Ach so, der Weihnachtsmann“, antwortete der Mann und zog die Augenbraunen nach oben. Dann jedoch schaute er mit ernstem Blick auf seine Taschenuhr und sprach zu mir: „Also, sein Schlitten kommt heute Abend mit dem letzten Zug. Aber der Weihnachtsmann selbst, kommt immer mit einem Sonderzug. Aber das musst Du für Dich behalten. Das ist ein Dienstgeheimnis!“ „Und die Geschenke, kommen die auch mit dem Zug“, fragte ich noch schnell? „Frage nicht so viel, mach dich lieber Nachhause, deine Eltern warten bestimmt schon auf dich.“ Damit hatte er Recht. Schnell machte ich mich auf den Weg. Doch die Gedanken ließen mich den ganzen Abend und auch als ich später in meinem Bett lag nicht los. „Wann kommt der Weihnachtsmann?“ In der Nacht wurde ich wach und schlich mich auf leisen Sohlen in die Küche um durch das Fenster hinüber zum Bahnhof zu blicken. Es schneite wieder und die weißen Flocken wirbelten nur so am Fenster vorbei. Doch was war das? Im Bahnhof stand ein Zug. Ja richtig, ich konnte die roten Schlusslichter trotz Schneefalls genau erkennen. War der Weihnachtsmann gerade mit dem Sonderzug angekommen? So schnell wie nie, war ich in meine Sachen geschlüpft, streifte die Handschuhe über und war schon aus dem Haus hinaus. Ich lief so schnell ich konnte die Talstraße entlang und der Bahnhof an der Jaspisstraße war trotz des frisch gefallenen Schnees schnell erreicht. Etwas außer Atem stand ich auf dem leeren Bahnsteig. Vom Zug fehlte jede Spur, aus der Ferne hörte ich noch das rhythmische Stampfen einer Lokomotive. Ich trat in die noch hell beleuchtete Wartehalle ein, doch kein Mensch war hier zu sehen. Die Scheibe des Fahrkartenschalters war zugezogen, überall war es still. Der Weihnachtsmann muss hier irgendwo sein, dachte ich mir und setzte mich auf eine von den braunen Bänken im Wartesaal. Hinter der Bank war eine Heizung, welche eine angenehme Wärme ausstrahlte. Ich kuschelte mich auf der Bank zusammen und sagte mir. Gleich wird der Weihnachtsmann hereinkommen und den Schnee von seinem Mantel klopfen. Dabei schlief ich ein. Ich bemerkte nicht, wie eine Stunde später der Mann mit der roten Mütze, der seinen Dienst um 4:00 Uhr antrat, mich in eine dicke Decke wickelte und in das Dienstzimmer brachte. Natürlich wusste er genau, wer der kleine Ausreißer war, der nun auf der Ofenbank schlief. Im Triebischtal kannte man sich damals eben.
Zuhause hatte noch keiner etwas bemerkt, nur mein Vater der zur Frühschicht mit dem ersten Zug fahren wollte, wunderte sich über die nicht verriegelte Haustür, als er zum Bahnhof aufbrach. Noch erstaunter muss er dann geblickt haben, als er vom Mann mit der roten Mütze auf dem Bahnsteig mit den Worten, „Karl, dein Bengel schläft bei mir“, begrüßt wurde. Nun, der Rest vom meinem nächtlichen Ausflug ist schnell erzählt. Mein Vater weckte mich etwas unsanft, doch musste er noch so verdattert über meine Anwesenheit auf dem Bahnhof gewesen sein, dass sein von mir erwartetes Schimpfen, ausblieb. „Na dann komm mal mit Nachhause“, sagte er kurz und zog mich von der Ofenbank. Dabei fiel eine bunte Weihnachtstüte, die unter meiner Decke gelegen haben musste, gefüllt mit Äpfeln, Pfefferkuchen und Nüsse herunter. Ein roter Apfel kullerte unter den Schreibtisch. Der Mann mit der roten Dienstmütze hob den Apfel schnell auf und steckte ihn mit den Worten zurück in die Tüte. „Ach so, ja die Tüte, die hat dir der Weihnachtsmann dagelassen. Du hattest ja geschlafen als er mit dem Zug ankam und er musste schnell weiter. So, aber nun Nachhause mit Dir ins Bett!“ Hatte ich wirklich den Weihnachtsmann verschlafen? Es musste einfach so gewesen sein, denn später am Heiligen Abend wusste ja der Weihnachtsmann genau Bescheid über meinen nächtlichen Ausflug! „Na, mein Freund, wir sind uns ja schon gestern begegnet“, sprach er mich an. Ich musste ihm damals versprechen, nie wieder allein in der Nacht das Haus zu verlassen.
Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Den Bahnhof Jaspisstraße gibt es heute nicht mehr und auch unsere Schmalspurbahn schnauft schon lange nicht mehr durch das Triebischtal. Als ich älter war, konnte ich mir dann auch denken, wer mir damals die Tüte mit den Pfefferkuchen unter die Decke gelegt hatte. Es konnte nur der freundliche Mann mit der roten Dienstmütze gewesen sein. Damals bekamen Schichtarbeiter, die auch ihren Dienst am Heiligen Abend antreten mussten, diese gefüllten Weihnachtstüten vom Betrieb geschenkt.
Manchmal frage ich mich jedoch, „Oder war er es am Ende doch nicht?“ Noch heute besitze ich diese für mich besondere Geschenktüte. Ich kann mich davon einfach nicht trennen. Damals hatte ich doch in der Nacht den Zug mit eigenen Augen im Bahnhof stehen sehen. Und warum sollte es nicht doch der Weihnachtsmann gewesen sein, der damit tatsächlich ankam?[1]
Literatur
- Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Die Schmalspurbahn Wilsdruff – Meißen Triebischtal, Wunderwald Bahnbücher, Nossen, 2019.
Einzelnachweise
- ↑ Reiner Graff: Warten auf den Weihnachtsmann. In. Wolfram Wagner, Peter Wunderwald: Die Schmalspurbahn Wilsdruff – Meißen Triebischtal, Wunderwald Bahnbücher, Nossen, 2019, S. 78 bis 80 und 172 und 173.